Ende

„Ein Ende bedeutet immer auch einen Anfang.“ – Hat mal irgendein schlauer Mensch gesagt.

Drei Jahre hatte ich jetzt Zeit mir Gedanken darüber zu machen, wie dieses Ende aussehen würde. Zeit, die mich viele Nerven, schlaflose Nächte und Tränen gekostet hat. Aber auch Mut, Selbstbewusstsein und Freude. Drei Jahre, die sich eigentlich kaum beschreiben lassen. Ich will’s aber trotzdem versuchen. Für mich. Um diesen Schlussstrich endlich mal ziehen zu können.

Ich erinnere mich noch viel zu gut an den Tag, den 10.10.2013, den 23. Geburtstag meiner Schwester. Ich war gerade eine Woche in Berlin und ein paar Tage in der Uni. Da ich leider nicht da sein konnte, dachte ich, skypen wäre eine gute Idee, um sie wenigstens so mal sehen zu können. Mir ist direkt aufgefallen, dass die ganze Familie da war, außer meiner Eltern. Auf die Frage hin, wo denn beide wären, bekam ich eher schwammige Antworten. Die mit diesem gewissen Unterton. Dieses Gefühl, dass irgendwas nicht stimmte, machte sich in mir breit. Und ich wollte wissen, was los ist. Aus dem „Nichts, alles gut!“ wurde ein „Papa soll Dir das selber sagen.“. Es war noch nichts dergleichen ausgeprochen, aber in dem Moment wusste ich sofort, dass sich ab jetzt alles in dieser Familie ändern würde.
Dieses Gefühl hatte ich schon mal. Ist jetzt zehn Jahre her, aber so was vergisst man nicht.
Dieses Gefühl, wenn man realisiert, dass da was zwischen Mama und Papa nicht stimmt und man als Kind einfach nicht begreifen kann oder will, was da passiert ist. Und wieso so was überhaupt passiert, wenn man sich doch liebt.

Heute bin ich erwachsen. Realistin im Bestfall. Pessimistin im Regelfall. Aber diese Frage hat man mir bis heute nicht beantwortet. Schwierig für jemanden wie mich, die schon in der Grundschule wissen wollte, warum 1+1=2 ist und nicht 4. Oder 5. Oder 47382432. Die gerne auf alles eine Antwort hätte. Nur leider gibt es auf manche Fragen keine Antworten. Das weiß ich jetzt auch. Damals hätte ich sie aber gerne gehabt. Und vermutlich auch gebraucht. Vielleicht hätten sie meine Neugier gedämpft, mir einige Lauschereien nachts auf der Treppe und Mails, die ich fand und die an seine „Prinzessin“ gerichtet waren, erspart. Vielleicht. Wer weiß das schon.

Zumindest war ich mir damals, vor 10 Jahren, sicher, dass er so was nie wieder machen würde. Dass er begriff, dass er was für sich tun muss, damit sich was ändert. Ging ja auch zehn Jahre gut. Zehn Jahre, die von Misstrauen geprägt waren. Das Vertrauen war weg. Das sah man auch als nicht involvierte Person.
Dass das, was zwischen meinen Eltern war, mit uns Kindern nichts zu tun hatte, wusste ich damals schon. Trotzdem ist einiges kaputt gegangen, das mich in meinem heutigen Leben beeinflusst und das ich nicht ändern kann, Therapie hin oder her.

Aber dann war es wieder da – dieses Gefühl. Am 10.10.2013. Ich rief abends meine Mutter an, nachdem sie sich nicht gemeldet hatte und mir mein Vater am Telefon auch nur irgendwas von „Ich bin gerade tanken, ich rufe Dich heute Abend an.“ erzählte.
Ihre Stimme war leise und ungewöhnlich monoton. Fast unaufgeregt. Das machte mich irgendwie noch nervöser, obwohl ich den Ausgang dieser ganzen Sache ja eigentlich schon kannte, ohne dass es überhaupt ausgesprochen wurde.

Sie sagte, dass mein Vater mir das selber sagen soll. Dass er mir das schuldig sei. Nunja. Ende vom Lied war, dass er mich auch nach Mitternacht noch nicht angerufen hatte, mir meine Mutter dann bei einem erneuten Telefonat auf die Frage „Ist es so?“  mit „Ja“ antwortete, ich ein paar Hintergrundinfos bekam, wie es dazu gekommen war, ich meinen Vater anrief, um ihm zu sagen, dass er ein verdammtes Arschloch ist und die nächste Stunde über der Kloschüssel hing. (Dass ich die nächsten Jahre jedes Mal wieder über der Schüssel hing, wenn ich meinen Vater sah, ist übrigens das Traumszenario eines jeden Psychologen. Ein Automatismus, den man gerne analysiert. Tochter kotzt, wenn sie ihren Vater sieht – Strike!)
So oft war das allerdings auch nicht mehr. Unser Kontakt beschränkte sich ab dann fast ausschließlich auf Treffen vor Gericht. Und was soll ich sagen, die Gerichtstoilette ist jetzt nicht sonderlich gemütlich.

Ich blieb ein Jahr in Berlin, bis ich mir eingstehen musste, dass mir alles zu viel wird. Drei Jobs – Studium war Nebensache. Ich musste für fast alles selbst aufkommen, weil Mutti plötzlich mit allem alleine dastand und nicht wusste, wie sie alles bezahlen sollte, da mein Vater sich in keinster Weise verpflichtet fühlte, für uns aufzukommen. Und dann war Berlin einfach irgendwann zu viel. Zu groß, zu anonym, einfach zu viel, und ich beschloss nach Köln zu gehen. Wirklich besser wurde es da anfangs auch nicht. Ich hatte das Gefühl, dass ich einfach nicht ankomme. Weil ich viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt war und sich alles nur um’s Geldverdienen drehte.

Ich musste mir hier natürlich auch direkt einen Job suchen. Und wenn man muss, macht man, was man bekommt. Zähne zusammenbeißen. Fragt ja auch keiner, ob man Bock drauf hat oder nicht. Bafög bekam ich nicht. Dafür verdienen meine Eltern zu viel. Wusste zwar nicht genau, wessen Eltern die meinten, aber angesichts meiner beschissenen Lage, waren es nicht meine.
Das Gericht hat das auch herzlich wenig interessiert. Wenn man mal bedenkt, dass die ganze Chose erst vor vier Wochen überhaupt mal entschieden wurde. Nach zwei Jahren Rechtsstreit. Für mich war das alles relativ klar. Ich Kind, er Vater, ich unterhaltspflichtig, er muss bezahlen. Aber in Deutschland kommt man leider Gottes noch mit viel zu viel durch und kann Dinge ziemlich gut in die Länge ziehen. Aber am meisten hat mich genervt, dass es ihm einfach unfassbar scheißegal war. Wie’s uns geht, was wir machen und überhaupt.

Weihnachten vor zwei Jahren lag meine Schwester im Krankenhaus. Ihre Nieren wollten plötzlich nicht mehr so ganz. Es folgten weniger besinnliche Weihnachtstage und ein Jahreswechsel im Krankenhaus. OP nach OP. Bis eine Niere dann letztendlich entfernt wurde.
Meine Schwester ist unfassbar hart im Nehmen. Mit Schmerzen konnte sie schon immer relativ gut umgehen. Nicht so wie ich, die drei Tage flachliegt, wenn sie sich mal den Kopf gestoßen hat. Und ich kann euch sagen: Ihr ging’s schlecht. Sie tat mir so unfassbar leid, Woche für Woche länger im Krankenhaus. Die Anzahl der Besuche unseres Vaters möchte ich gar nicht erwähnen, so traurig macht mich das. So was sollte man nicht alleine durchstehen müssen. Und mich macht immer noch wütend, dass es nicht mal da für irgendwas gereicht hat.

Ich habe keinen Vater mehr. Klar, er ist und bleibt mein Erzeuger, das ist nun mal so. Aber seine Vaterrolle hat er schon vor Jahren abgegeben. Das hinnehmen zu müssen, ist scheiße. Das akzeptieren zu müssen, ist noch viel beschissener. Aber ich weiß, dass ich ohne ihn besser dran bin. Dass wir drei ohne ihn besser dran sind.

Ich bin mir sicher, dass er das hier lesen wird. Weil er doch zu gerne meine Profile auf den Social Media-Plattformen durchforstet, in der Hoffnung wieder irgendwas zu finden, das er mir vorhalten kann. Aber das ist mir jetzt egal. Und irgendwie hoffe ich auch, dass er das liest, dass Du das liest, damit Du vielleicht langsam mal kapierst, was Du mir, uns, angetan hast. Und wenn es nur ein Funke ist, der bei Dir ankommt.
Anderen die Schuld zuweisen, ist immer einfach. Und für vieles ist man selbst verantwortlich. Es gibt aber gewisse Dinge, für die man nichts kann. Und über deren Existenz man sich ärgert. Du bist verantwortlich dafür, dass es Monate in den letzten Jahren gab, in denen ich nicht aus dem Bett kam. Licht und Kontakt zu anderen nicht ertragen konnte. In denen ich mich verantwortlich für alles gemacht habe, statt Dich. Die Fehler bei mir gesucht habe und mir einredete, dass ich selbst schuld sei an allem. An mir. An meiner Person. In denen ich den ganzen Tag heulend dasaß und nicht mal genau wusste, warum ich überhaupt heule. Monate, in denen ich mit offener Tür schlafen musste, weil meine Nächte aus unruhigem Halbschlaf und Panikattacken bestanden und ich nicht alleine sein konnte. In denen Mama hilflos zu Hause saß und nicht wusste, wie sie mir helfen kann. Diese Monate waren schlimm, weißt Du? Ich musste funktionieren, arbeiten, Geld verdienen, um mir mein Leben finanzieren zu können. Gute Laune haben, obwohl es mir schlecht ging. Und wofür? Dafür, dass Du mir dann auch noch vorwerfen konntest, ich solle erst mal richtig arbeiten in meinem Leben.
Ich hab mich oft gefragt, wie man so mit seinen Kindern umgehen kann. Menschen, die man eigentlich aus Liebe in die Welt gesetzt hat. Eine Antwort darauf wirst Du mir wohl nie geben. Und vielleicht ist es auch besser, dass sich gewisse Fragen nicht beantworten lassen.

Die schlimmen Monate sind vorbei. Was geblieben ist, ist Misstrauen. Misstrauen anderen Menschen gegenüber, Männern gegenüber. Weißt Du wie schlimm das ist, dass man Männern generell unterstellt, dass sie es sowieso nicht ernst mit einem meinen? Dass man ohnehin hintergangen wird? Wie sich das anfühlt, wenn man weiß, dass ja nicht alle so sind, man aber nicht ändern kann, dass man so denkt? Ich bin keine elf mehr. Und ich weiß, dass gewisse Dinge passieren in Beziehungen. Aber nicht zweimal, oder dreimal. Du wirst jetzt sicher dasitzen und empört sein. Dass ich Dich für solche Dinge in meinem Leben verantwortlich mache. Aber so ist es. Du bist weg und ich muss damit leben.

„Es kommen auch wieder bessere Zeiten, mein Schatz.“ – Mamas Standardspruch, wenn mal wieder alles scheiße war. Und diese bessere Zeit beginnt jetzt. Drei Jahre sind einfach genug. Ich möchte mit diesem Kapitel abschließen. Das Buch zuklappen und es nicht noch mal lesen.

In meinem Leben gibt es für Dich einfach keinen Platz mehr. Und ich hoffe, dass Du das akzeptieren wirst, genauso wie ich akzeptieren muss, keinen Vater mehr zu haben, der mich durch mein Leben begleitet.

Ende.
Linda

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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