Mauerfall.

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Am Anfang vermutlich. Wann das Ganze allerdings angefangen hat, kann ich gar nicht wirklich datieren.                           Die letzten zwei Jahre waren so wackelig, dass ich gar nicht weiß, was mir am meisten den Boden unter den Füßen weggerissen hat.

Dass sich mein Vater gegen ein Leben mit uns und für ein Leben mit einer anderen Frau entschieden hat, erwähnte ich ja bereits. Dass er sich aber ebenso bewusst gegen seine eigenen Kinder entschieden hat, wurde mir die letzten Monate erst richtig bewusst. Um genau zu sein am 01. Februar dieses Jahres – meinem 21. Geburtstag. Dem Tag, an dem ich bis Mitternacht gehofft hatte, dass mir der Mensch zum Geburtstag gratuliert, der mich das letzte Jahr so viel Kraft gekostet hätte. Der mich verletzte und nicht für mich da war. Und es vermutlich auch nie wieder sein wird.

Sich gegen seinen Vater entscheiden zu müssen, ist nicht leicht, das steht fest. Aber wenn man merkt, dass man als Kind so gar keinen Wert mehr hat, gibt man auf.

Aufgeben. Ich. Haha. Einfach war das nicht. Ich hab mir eingeredet, dass das alles nur ’ne Phase ist, in der er da steckt, und dass er bald erkennen wird, wie wichtig wir ihm sind und was er da gerade alles kaputt macht. Irgendwann musste ich mir aber eingestehen, dass es den Menschen, der mal mein Vater war, nicht mehr gibt. Wenn ich ihn in den letzten Monaten mal sah, sah ich in seinen Augen nichts als Wut und Abneigung. Das überfordert und bringt die doch sehr hochgewachsene eigene Mauer ein bisschen zum Einsturz. Nach außen hin nicht wirklich sichtbar. Also, eventuell nur durch ein paar angefutterte Pfunde, die den Frust zum Ausdruck bringen. Innerlich saß der Unmut über all das dann aber doch tiefer, als ich dachte. Ich konnte lange Zeit nicht einschlafen und wenn ich mal schlief, wachte ich mit Herzrasen auf und hatte Angst. Nacht für Nacht. Über mehrere Wochen, bis ich mir eingestehen musste, dass es so nicht weitergeht und ich zum Arzt ging. Die Situation zuhause holte mich in meinen Träumen ein. Ich kam nicht mehr aus dem Bett und schlief nachts mit offener Tür, weil ich nicht allein sein konnte. Mit 21. Das muss man sich mal vorstellen. Und dann soll man nach außen hin noch gute Miene zum bösen Spiel machen. Weil man selbst eben zu den Menschen gehört, die sich Schwächen nicht eingestehen können.

Man fühlt sich überflüssig, weil einen der eigene Vater nicht mehr will und ein Grund dafür einfach nicht besteht. Oder zumindest für mich nicht erkennbar war. Aber welchen Grund kann es geben, dass einen der eigene Vater nicht mehr will? Dass er alles über den Haufen schmeißt – sogar die Beziehung zu seinen Kindern? Das will einfach nicht in meinen Kopf.

Als wäre das nicht schon genug, muss man sich auch noch Sorgen um die große Schwester machen. Seit Dezember verbringt sie mehr oder weniger ihre Zeit im Krankenhaus und muss seitdem Schmerzen erleiden, die ihr keiner abnehmen kann. Und das Ergebnis dieser nervenaufreibenden und schmerzvollen Zeit wird sein, dass ihr nächsten Dienstag ihre rechte Niere entfernt wird. Jetzt werden einige denken, dass man mit einer auch ganz gut über die Runden kommt, allerdings funktioniert die andere auch nicht ganz so, wie sie sollte. Momentan behält jeder seine Ängste für sich, aber sie sind eben da. Man liest viel im Internet und stößt auf Dinge, die man gar nicht hören will. Kann sie überhaupt mal Kinder bekommen? Wie lange wird die andere Niere der Belastung standhalten? Was passiert dann? Organspende? Wohlmöglich noch ich selbst? – Stress, den man sich machen sollte, wenn es soweit ist. Leichter gesagt als getan. Und was soll ich sagen – meine Schwester ist so unglaublich stark. Stärker als ich es je sein werde. Die schluckt ihren Ärger einfach runter und erlaubt sich nur selten ein paar Tränen. Gestern haben wir ein bisschen rumphilosphiert, wie ich das alles wohl durchstehen würde. Und was soll ich sagen – das Ergenis war mehr als eindeutig. Nämlich gar nicht. Gott, ich wäre nur am Heulen und würde in meinem eigenen Selbstmitleid ertrinken.

Da zeigt sich eben auch, wie unterschiedlich wir sind, wie gut das manchmal ist und was für ’ne Weichei-Position ich in meiner Familie einnehme.

Und zum Schluss möchte ich noch mal eben erwähnen, dass ich die beste Mama der Welt habe. Natürlich denkt ihr jetzt, dass ihr die beste habt, aber Pech. Die hab einfach ich. Weil sie stark ist. Aber auch mal schwach. Weil sie immer für uns da ist, auch wenn mal wieder alles zum Kotzen ist. Weil sie uns sagt, dass wir besser und schöner nicht sein könnten, wenn wir unzufrieden sind das nicht glauben können. Und weil sie uns ihren letzten Cent geben würde, ohne mit der Wimper zu zucken.

 

So, jetzt geht’s mir besser.

Tschüssi

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